Fliegen

Rolf Müller

Wenn von jemand gesagt wird, dass er keiner Fliege etwas zuleid tun kann, beschreibt man einen edlen, friedfertigen, sanftmütigen Menschen, der lieber Unrecht leidet, als Unrecht tut. Vielleicht hat ein solcher Mensch noch keine Erfahrungen mit einer lästigen Fliege gemacht.

Der alte Mann hat bisher nur lästige Fliegen kennengelernt und sie haben ihn manchmal zur Weißglut getrieben. Weil er in seiner Wohnung keine Fliegen haben möchte, sind die Fenster durch sogenannte Fliegengitter geschützt. Man kann lüften, ohne dass Insekten eindringen können. Trotzdem finden die Plagegeister immer wieder einen Weg, einzudringen. Wie sie das bewerkstelligen, ist eines der großen Rätsel der Weltgeschichte. Es kann eigentlich nur durch die Tür erfolgen, wenn sie einen Moment offen steht. Unbedarfte Leute haben dem alten Mann geraten, die Fliegen einfach zu ignorieren und nicht zu beachten. Das ist leichter gesagt als getan.

Unsere Stubenfliegen sind äußerst brutal und aufdringlich. Sie haben ihre Ausbildung auf Kuhweiden erhalten, denn sie fliegen mitten ins Gesucht und setzen sich zwischen die Augen. Das ist die Stelle, die Kühe weder mit dem Schwanz noch mit den Ohren erreichen können, um die Plagegeister zu verjagen. Die Kühe sind machtlos und hilflos.

Es beginnt schon morgens, wenn sie uns durch ihre Angriffe das Frühstück vergällen. Später spazieren sie auf den Tasten des Computers und auf dem Bildschirm herum. Wenn man sich eine Mittagsruhe gönnen will, sind Sie sie besonders aktiv. Sie summen herum, bis einem der Kopf schwirrt und der Blutdruck steigt. An Ruhe ist nicht einmal zu denken.

Wie kann sich ein genervter Mensch gegen sie wehren, ohne die Tierschutzbestimmungen zu verletzen? Früher gab es diese klebrigen Bänder, an denen sie hängen blieben und qualvoll verendeten. Die sind mit Recht nicht mehr erlaubt. Chemische Kampfstoffe haben selten die gewünschte Wirkung. Sie legen sich beim Menschen auf die Atemwege, während die Fliegen immer tollkühner werden.

Schwalben und Spinnen in der Wohnung sind auch keine Lösung. Als der alte Mann jünger war, konnte er die Fliegen mit der Hand fangen. Seitdem seine Feinmotorigkeit nachgelassen hat und die Gelenke steifer geworden sind, gelingt das nicht mehr. Es bleibt nur noch die handelsübliche Fliegenklatsche.

Aber auch die Fliegen sind klüger geworden und passen sich an. Sie haben herausgefunden, dass der alte Mann nur ungern mit voller Wucht auf die Tasten seines Computers schlägt, deshalb halten sie sich überwiegend auf diesen Tasten auf. Der alte Mann muss warten, bis sich die Biester auf eine glatte Fläche setzen, wo er sie meist erfolgreich erlegen kann. Ende gut, alles gut?

Das wäre der Fall, wenn unsere Enkelin nicht eine theologische Frage angeschnitten hätte. Sie hielt mir vor, dass auch Fliegen Geschöpfe Gottes sind. Das ist richtig. Aber dürfen Geschöpfe Gottes anderen Geschöpfen das Leben vermiesen? Dürfen sie ungestraft auf der Butter herumspazieren und die Menschen zur Weißglut reizen? Ist das Erschlagen einer Fliege genauso verwerflich wie Küken schreddern oder Ungeborene abtreiben?

Während ich darüber nachdenke, ist eine Fliege an meinem Kopf vorbeigeflogen und hat sich auf die Tischplatte gesetzt. Reflexartig habe ich die Fliegenklatsche ergriffen und zugeschlagen. Ich habe es wieder getan. Es hat mich einfach übermannt.

 

Mit freundlicher Genehmigung
Autor: Rolf Müller